Nach vielen Jahren in den USA ist Polina Reed mit ihrer Familie nach Deutschland zurückgekehrt und studiert heute Interkulturelles Management in Teilzeit am Campus Rothenburg. Im Gespräch erzählt sie, warum dieser Neustart für sie weit mehr als ein Studienbeginn ist, wie sie Familie und Hochschule miteinander vereinbart und weshalb Lernen für sie keine Frage des Alters ist.
Polina, warum hast du dich gerade jetzt für das Studium Interkulturelles Management entschieden?
Vor allem praktische Gründe haben meine Entscheidung geprägt: der Wohnort, die Möglichkeit, in Teilzeit zu studieren, und die deutlich niedrigeren Kosten in Deutschland im Vergleich zu den USA. In Amerika konnte ich mir nur einzelne Kurse und berufsbezogene Zertifikate leisten, während Bildung hier viel zugänglicher ist. Besonders am Campus Rothenburg gefällt mir die moderne Atmosphäre, die für mich fast etwas von einer Privatschule hat.
Was hat dir den Mut gegeben, nach so langer Zeit wieder zu lernen?
Ich war lange vor allem Mutter und Ehefrau und habe zwar auch gearbeitet, mich dabei aber oft wenig inspiriert gefühlt. Mit dem Studium wollte ich mich neu entdecken und mir selbst beweisen, dass ich es noch kann.
Wie war es für dich, nach vielen Jahren wieder Studentin zu sein?
Am Anfang war dieses Gefühl schon ungewohnt. Als ich meine Kommilitoninnen und Kommilitonen kennengelernt habe, sind viele meiner Bedenken aber schnell verschwunden, weil sie offen und positiv auf mich zugegangen sind.
Gab es vor dem Start auch Zweifel?
Ja, auf jeden Fall, denn Lernen ist eine Fähigkeit, die man erst wieder trainieren muss. Gerade die Vorbereitung auf die erste Klausurphase war für mich sehr anstrengend und hat mir gezeigt, dass ich erst wieder lernen musste, wie man richtig lernt.
Was fällt dir heute leichter als früher?
Ich sehe vieles nicht mehr so schwarz-weiß und mache mir weniger Sorgen, mich mit einer Frage oder Aussage zu blamieren. Diese innere Ruhe ist für mich ein großer Unterschied zu meinem jüngeren Ich.
Für mich ist Alter vor allem eine Zahl. Entscheidend ist eher die Frage, was einem im Leben wirklich wichtig ist, denn die Zeit vergeht ohnehin. Wenn ich dabei Neues lernen kann und am Ende sogar ein Bachelorabschluss daraus wird, ist das für mich ein Gewinn.
Und was ist schwieriger geworden?
Die digitale Studienwelt hat sich stark verändert, und heute gehören Zoom, digitale Tools und KI ganz selbstverständlich dazu. Ich sehe darin zwar Vorteile, etwa bei der Zeitersparnis, gleichzeitig frage ich mich aber auch, wie sehr uns diese Entwicklung vom eigenständigen Denken wegführen könnte.
Du hast viele Jahre in den USA gelebt. Wie hat sich die Rückkehr nach Deutschland angefühlt?
Unsere Familie ist Umzüge gewohnt, deshalb hat der Wechsel organisatorisch gut funktioniert. Trotzdem fühlt sich die Rückkehr nicht ganz einfach an, weil ich mich nach rund zehn Jahren in den USA in gewisser Weise zwischen zwei Welten sehe. Ich habe dort gelebt, gearbeitet, eine Green Card bekommen und meine Kinder zur Welt gebracht, deshalb ist dieser Bruch kulturell und persönlich sehr spürbar.
Wie organisierst du Studium, Familienleben und Alltag?
Ich schreibe mir alles auf, damit nichts untergeht. Im Alltag geht es ständig um Schul- und Kindergartentermine, Kleidung, Erledigungen und Familienorganisation, und dazu kommen jetzt auch noch die Verpflichtungen aus dem Studium. Ohne diese Struktur würde schnell Chaos entstehen.
Du sprichst auch offen über Neurodiversität. Welche Rolle spielt das in deinem Studium?
Ich lebe mit ADHS und habe vor einigen Jahren einen Schlaganfall erlitten, wodurch mein Kurzzeitgedächtnis beeinträchtigt ist. Deshalb muss Lernen bei mir sehr genau in den Tagesablauf passen, damit es gut funktioniert. Vor allem Lärm und viele Ablenkungen machen konzentriertes Arbeiten für mich schwieriger.
Was hilft dir im Hochschulalltag besonders?
Hilfreich sind für mich klare Strukturen und visuelle Unterstützung, etwa durch Grafiken oder gut aufbereitete Inhalte. Wenn Gespräche zu stark abschweifen, muss ich mich deutlich mehr konzentrieren, um den roten Faden nicht zu verlieren.




